Die Kunst der Entscheidung ist eine hohe Kunst. Wofür? Und wogegen? Sobald wir uns so entschieden haben, wissen wir, wir hätten auch so – oder ganz anders – entscheiden können. Auf die Klarheit folgt oft die Verwirrung.

Um dem multioptionalen Pro-Contra-Schwindel zu entgehen, haben wir wiederum mehrere Optionen: Wir können

  1. gewisse Vorentscheidungen treffen
  2. „vielleicht“ sagen und abwarten
  3. wie ein Kind die Augen verschließen und uns tot stellen (= gar nicht reagieren) oder
  4. bewusst überhaupt nicht(s) entscheiden. Wie entscheidet man sich richtig?!

Vielleicht vs. keine Ahnung

Im ersten Fall entscheiden wir einfach, in wiederkehrenden Situationen, die uns mit einer Fülle von Möglichkeiten konfrontieren, die jeweils gleiche Entscheidung zu treffen: Wir greifen im Supermarkt zum immer gleichen Senfglas, wählen stets den gleichen Weg zur Arbeit, und montags tragen wir grundsätzlich und ausnahmslos blau.

Im zweiten Fall hoffen wir, dass die Zeit, oder genauer, die mehr oder weniger zufällig daherkommenden, nicht durch unsere eigenen Entscheidungen herbeigeführten Sachverhalte die Dinge für uns regeln. Damit rekurrieren wir auf eine Vorstellung von Effizienz, die sich mit dem westlichen Konzept einer messbaren, linear fortschreitenden Zeit schlecht vereinen lässt; die weniger mit dem Verfolgen SMARTer Ziele zu tun hat als mit dem Zeitbegriff des antiken chinesischen „vegetalen Denkens“, wie es der französische Philosoph und Sinologe Francois Jullien nennt.

Im traditionellen Taoismus und Konfuzianismus dominiert die Idee des Moments oder der Gelegenheit (shi) als Ergebnis eines natürlichen jahreszeitlichen Reifungsprozesses: Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht, lautet die Botschaft; man kann und sollte Fortschritt, Erfolg, Glück nicht durch (voreilige) Entscheidungen erzwingen – wenn man abwartet, wie sich alles entwickelt, kommen die günstigen Gelegenheiten wie von selbst. Das Blatt kann sich wenden, ohne dass wir erst groß aktiv werden. Entspricht dies nicht auch unserer Lebenserfahrung? Lässt sich so nicht Unentschlossenheit als Weisheit adeln?

Im dritten und im vierten Fall gehen wir davon aus, dass Entscheidungen etwas dem menschlichen Dasein Äußerliches seien oder, anders ausgedrückt, wir tun so, als wäre die die Frage: „Wahl oder Nicht-Wahl?“ für den Fortgang unserer Existenz unerheblich. Als wäre es egal, wie oft oder wie selten wir Entscheidungen treffen und mit welcher Haltung wir eine oder alle Entscheidungen verweigern … so egal, dass wir auch 5) eine Münze werfen oder 6) aus dem 20. Stock in den Tod springen könnten. Wenn wir wollten. Wenn wir uns dazu entschlössen.

Ja? Nein? Jein!

Wir haben die Wahl. Aber wie kann aus der abstrakten Möglichkeit des Wählens eine konkrete Wirklichkeit werden? Dadurch, dass man sich selbst, genauer: das Vermögen des Selbst zu wählen wählt – so lautet die raffinierte Antwort Sören Kierkegaards (1813 – 1855), des dänischen Begründers der Existenzphilosophie.

Kierkegaards Hauptwerk mit dem vielsagenden Titel Entweder – Oder liefert eine Art ironische „Anleitung“ zu einer solchen Selbst-Wahl. Der Autor schreibt dem Leser nicht vor, wie und wozu er sich in seinem Leben entscheiden soll, er präsentiert ihm einfach zwei Optionen bzw. Stadien innerhalb der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung. Verkörpert werden diese Stadien durch die Protagonisten „A“ und „B“, die jedoch selbst nur mittelbar zu Wort kommen; nämlich in vom Autor selbst unkommentierten fiktiven Aufzeichnungen und Briefen.

A lebt ein Leben der ästhetischen Beliebigkeit, in dem die Multioptionalität ein endloses Wechselspiel von Langeweile und Zerstreuung bedingt. Der Ästhetiker hat keine Ahnung, was er will, er möchte nur Spaß haben. Jetzt sofort und überall. Seine Entscheidungen fallen nach dem Lustprinzip, er wählt, um sich die Zeit zu vertreiben – doch die Zeit lässt sich nicht vertreiben: „Die Zeit vergeht, das Leben ist ein Strom, sagen die Menschen … Ich merke nichts davon, die Zeit steht still und ich mit.“ Nach und nach beginnen die Genuss-Optionen, schal zu werden. Die Langeweile regiert. Mehr und mehr verliert A seine Selbstbestimmtheit an die Beliebigkeit eines Genusses, den er nicht mehr genießen kann: „Erhänge dich, du wirst es bereuen; erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen.“

Es geht nicht darum, das Richtige zu wählen, sondern für das Gute zu votieren. Share on X

Nun kommt B ins Spiel, der gegen die Lebensform des Ästhetikers die aus seiner Sicht einzig wahre Alternative der „kargen“ ethischen Existenz setzt. Nach Meinung des Ethikers ist „jeder, der ästhetisch lebt, verzweifelt, ob er es nun weiß oder nicht.“ Doch eben diese Verzweiflung enthält paradoxerweise auch den Ausweg aus ihr. Denn sie ist der Grund dafür, dass der Mensch überhaupt wählt: dass er erkennt, dass er sich zwischen Wählen und Nichtwählen, zwischen multioptionaler (ästhetischer) Indifferenz und (ethischer) Verpflichtung, zwischen Gut und Böse entscheiden kann.

Wer seine Verzweiflung erkennt und sich zu ihr bekennt, muss sich zu sich selbst als einem Menschen bekennen, der sich durch seine bisherige Lebensführung schuldig gemacht hat; und verstehen, dass es angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens einerseits und der Unendlichkeit der Generationenfolge andererseits weniger darauf ankommt, „das Richtige“ zu wählen, sondern auf „den Ernst und das Pathos, womit man wählt“.

Aus dem Bewusstsein, zwischen Wahl und Nicht-Wahl wählen zu können ergibt sich für B die Pflicht des Menschen, von den Pseudo-Entscheidungen des ästhetischen Stadiums abzulassen und für das Gute zu votieren; nicht einmal, sondern immer wieder. Ein Leben lang. Warum? Um der Verantwortung sich selbst, der (Nach-)Welt und Gott gegenüber gerecht zu werden.

Wenn wir die Position des Kierkegaardschen Ethikers einnehmen, können wir weder Vorentscheidungen noch das Aufschieben von Entscheidungen noch das Nicht-Wählen zwischen gebotenen Alternativen als „Entscheidungen“ werten – auch wenn jede dieser Nicht-Entscheidungen natürlich Folgen für uns und unsere Mitmenschen hat (Langeweile, Chaos, Streit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Einsamkeit etc.).

Als Entscheidung muss uns dann einzig und allein diejenige Wahl gelten, die wir aktiv treffen und die zugleich beweist, dass wir uns als verantwortungsvolle Autoren unseres Daseins selbst gewählt haben. Zum Beispiel die Entscheidung zum Fleiß. Oder zur Eheschließung. Oder zu einer altruistischen Existenz. Senfglas oder Gurkenglas? Das ist dann nicht mehr die Frage…

 

Ich zeige Ihnen, was Authentizität, Mut und Neugier heute wirklich bedeuten.

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