Ob „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany’s Next Topmodel“ oder Dschungel-Camp – der Irrsinn des Reality-TV ist real! In einer Zeit, in der der amerikanische Präsident und Ex-Reality-TV-Star Donald Trump höchstpersönlich dafür sorgt, die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion zu verwischen, ist diese Realität surrealer denn je.

Die neue (Sur-)Realität ist Teil des „ästhetischen Kapitalismus“, wie der Philosoph Gernot Böhme unsere durchökonomisierte Gesellschaft nennt; eine Gesellschaft, in der es nicht mehr um längst großflächig gestillte Bedürfnisse geht, sondern um die Inszenierung des eigenen Begehrens nach „Mehr“. Mehr Profit, mehr Anerkennung, mehr Macht. Kann es unter diesen Bedingungen noch vernünftige Selbstreflexion geben (und wenn ja, wie viele)?

Unsere surreale Realität

Macht im US-Wahlkampf | Rebekka Reinhard

Nicht alle Frauen wollen Macht. Hillary Clinton schon. „Ich kandidiere als Präsidentin. Amerikaner brauchen jeden Tag einen Champion, und ich will dieser Champion sein“, sagte sie in einem Wahlwerbespot.

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In sämtlichen Reality-TV-Formaten dominieren Bilder des schlechten Geschmacks – des Kitschs, des Vulgären, der Unbildung und der Geistfeindlichkeit. „Ich will berühmt werden“, erklären die Kandidaten von DSDS oder GNTM. „America first!“, ruft Donald Trump. Real ist, was gesetzt wird, und Trump ist ein Meister der Setzungen. Er spricht, wie er twittert. Hart, schnell, undiplomatisch. „Menschen strömen in Rekordzahlen nach Washington!“ „Es friert und schneit in New York. Wir brauchen die globale Erwärmung!“

Das Problem mit solchen Exklamation ist nicht nur, dass sie nicht wahrheitsfähig sind. Sätze wie diese schaffen nicht einfach „alternative Fakten“, sie besitzen eine eigene imaginierte, ästhetische Wirklichkeit, die der Realität ihren Stempel aufdrückt. Solche Aussagen sind mit „Bullshit“ (Harry G. Frankfurt) nicht hinreichend beschreiben. Sie bewegen sich über den Bereich des bloß Sprachlichen hinaus. Sie tun etwas. Sie erzeugen eine Atmosphäre der Erregung, des Ereignisses und des Aufbruchs hin zu … was eigentlich?!

Atmosphären sind extrem machtvolle Gebilde. Sie bedingen, so Gernot Böhme, „eine Neuorientierung der Aufmerksamkeit: weg von der Beurteilung der Dinge, die man wahrnimmt, hin zu dem, was man empfindet“. Die Atmosphäre, die von Trumps Worten ausgeht, ist mächtiger, perfider, vieldeutiger als das, was man eine rhetorisch kalkulierte „einschüchternde Wirkung“ oder „Stimmung bebender Größe“ nennen könnte (wie Adam Soboczynski in der ZEIT schrieb).

“Ver(w)irrung macht sich breit: Alles, nichts, oder? Trumps Macht ist die Macht der Atmosphäre. “

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Sie zwingt auch die logisch-rhetorisch Versiertesten in ihren Einflussbereich: die Vertreter der „Elitenmedien“. Wenn der mächtigste Mann der Welt diese als „verzerrt und ungenau“ deklariert, provoziert dies bei den so Verurteilten Fassungslosigkeit – und die Frage, was man einem derartigen Statement sinnvollerweise entgegensetzen kann.

Ver(w)irrung macht sich breit: Alles, nichts, oder? Die Macht Trumps ist die Macht der Atmosphäre. Eine verbal erzeugte, visuell unterlegte Atmosphäre, der es spielend gelingt, jeglicher Kritik an ihr den Zahn zu ziehen: nicht nur jener Kritik, die sich mit naivem Objektivitätsanspruch brav an der Widerlegung des Ungeheuerlichen abarbeitet; sondern auch derjenigen, die sich dreist an der ironischen Aneignung des Gesetzten versucht.

Die Macht der Atmosphäre

Der Wert der Werte | Rebekka Reinhard

Ethische Werte brauchen die Autorität unseres Herzens und unserer Vernunft, wenn sie uns Orientierung und Motivation zum Handeln geben sollen.

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Die neue (Sur-)Realität ist die Wirklichkeit des Reality-TV, ein Chaos, in dem Schein und Sein, Spaß und Ernst, Verstehen und Missverstehen unterschiedslos ineinander verschwimmen. Das macht sie so gefährlich.

Inmitten des atmosphärisch Bunten und Lauten ist die Stimme der Vernunft nur eine von vielen. Wer immer an sie glaubt, muss sie hörbarer, verstehbarer machen. Wir brauchen mehr Persönlichkeiten, die sich inmitten von Hybris und Narzissmus die Fähigkeit zur Selbstreflexion bewahrt haben. Menschen, die nicht mit glamourösen Setzungen, sondern mit guten Gründen operieren.

Wo sind diese Leute? Man findet sie überall. Es könnten Politiker, CEOs, Manager, Soziologen, Nerds, Philosophen sein. Wo seid Ihr? Die Möglichkeit zur Selbstreflexion ist eine Pflicht. Profit, Anerkennung und Macht brauchen ein „Mehr“ an Geist, Herz und Anstand. Selbstdenkende aller Länder, vereinigt Euch!

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