Wir leben in einer Zeit, in der Ziel- und Lösungsorientiertheit der Weisheit letzter Schluss zu sein scheint – und alles, was dazu gehört: Effizienz, Effektivität, Berechenbarkeit.

Die Jagd nach dem Immer-Weiter katapultiert uns in die Klinik

Von klein auf werden wir darauf konditioniert, zeitnah Top-Ergebnisse zu präsentieren und systematisch darauf abgerichtet, jegliche Unsicherheit und Unwägbarkeit auszuschalten. Die Ironie ist natürlich, dass das völlig unmöglich ist, weil das Leben per Definition unsicher, unwägbar und auch ziemlich unperfekt ist.

Ungeachtet dieser Tatsache geht es für jeden Einzelnen immer mehr nur noch darum, irgendwelche Zielvorgaben zu erreichen, „es geschafft zu haben“ … wobei nie ganz klar ist, was mit „es schaffen“ eigentlich gemeint sein soll. Wenn es doch gilt, mehr und immer noch mehr zu schaffen!

Für viele scheint das Leben heute gleichbedeutend mit einer einzigen riesigen Casting-Show, in der sich alles darum dreht, die Mitkonkurrenten durch perfekte Leistung und perfekte Selbstvermarktung auszustechen und sich das OK des Jurors abzuholen: „Du bist weiter!“ Aber weiter wozu? Die Jagd nach dem Immer-Weiter, Immer-Perfekter, Immer-Schneller katapultiert einen leider nicht ins Nirwana – sondern eher in die Klinik.

Umwege müssen kein überflüssiger Kostenfaktor sein

Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht

Erfolg ist möglich! Doch Erfolge lassen sich nicht erzwingen, sondern müssen wachsen. Dr. Rebekka Reinhard über Potenziale und die Diva namens Schicksal.

rebekkareinhard.de

In unserer Kultur sind Umwege tabu. Kaum jemand kann der Erfahrung, dass auf dieser Welt eben nicht alle Probleme eine „Lösung“ haben, dass nicht alle Wege an das vorausberechnete Ziel führen, etwas Positives abgewinnen. Diese Trotzhaltung gegenüber dem wirklichen Leben ist der größte Feind der Zukunftsfähigkeit. Was wir brauchen, sind nicht noch mehr eingebildete „Topmodels“ und „Superstars“, sondern echte Helden.

Homers Held Odysseus lehrt, dass Umwege kein überflüssiger Kostenfaktor sein müssen; und dass das Umherirren im Ungewissen alles andere als Zeitverschwendung ist. König Odysseus brauchte zehn lange Jahre, um von Troja in sein Königreich Ithaka zurückzukehren.

„Der Vielgewanderte“ musste eine halbe Ewigkeit auf hoher See verbringen, sich mit Seeungeheuern, Monstern und Sirenen herumschlagen, sich und seine Männer immer wieder tödlichen Gefahren aussetzen. Aber hätte Odysseus den schnellsten Weg zurück genommen – mittels GPS oder eines ausgefeilten Zeitmanagementsystems – er wäre wohl kaum der weise und erfahrene Held geworden, als der er in die Kulturgeschichte einging.

“Homers #Odysseus zeigt: Der #Umweg ist das #Ziel. Wir sollten mehr Mut zum #Scheitern haben!“

Twittern WhatsApp

Durch die Vergötterung der Maximen Effizienz und Effektivität hat noch niemand seine wahren Potenziale entfaltet – wohl aber durch die Begegnung mit dem Undurchsichtigen und Schwierigen. Gelungen ist unser Leben, wenn wir das Steuer in die Hand nehmen – und Mut zu Umwegen, zu Irrwegen beweisen, MUT ZUM SCHEITERN.

Möchten Sie mehr über angewandte Philosophie erfahren?

Wie fühlen Sie sich nach der Lektüre dieses Blogbeitrags?