Die Digitalisierung verändert unsere Art zu leben, zu arbeiten, zu lieben – und zu lernen. Wie werden wir morgen lernen, in welchen Lern- und Wissensräumen werden sich unsere Kinder bewegen? Langsam, bitte. Bevor wir die Zukunft voraussagen, sollten wir unseren Blick lieber auf das Hier und Jetzt lenken. Und fragen, unter welchen Bedingungen wir heute Wissen akquirieren und entwickeln. Welche Räume, Umgebungen, welche Welten beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln heute maßgeblich? Wir öffnen Augen und Ohren – und stellen fest: Es sind nicht die statischen, unverrückbaren, sondern die flexiblen, ambivalenten, von Sinnlichkeit durchdrungenen. Es sind Bilder und Atmosphären.

Die Rede vom „Iconic Turn“ ist heute aktueller denn je: Tagtäglich strömen Trillionen von Bildern und Videos auf den internetfähigen Menschen ein, bedröhnen ihn mit ihren bunten Farben und Formen – und durch die Atmosphäre, die sie schaffen. Jede Atmosphäre stellt einen Raum dar, der unsere Befindlichkeit beeinflusst. Atmosphären sind extrem machtvolle Gebilde. Sie bedingen, so der Philosoph Gernot Böhme, „eine Neuorientierung der Aufmerksamkeit: weg von der Beurteilung der Dinge, die man wahrnimmt, hin zu dem, was man empfindet“.

Digitalisierung des Lernens: TED’s „presentation literacy“

Parallel zu den traditionellen Wissens- und Lernräumen der Schule, der Universität oder des Museums existieren bildlich-atmosphärische Räume, in denen nicht Worte, Texte, Argumente im Vordergrund stehen, sondern der rhetorische Effekt, die leicht verkäufliche und vermarktbare Inszenierung, die hochkomplexe Technik. Paradigmatisches Beispiel: die TED-Talks. TED – für „Technology, Entertainment, Design“ – ist die neue Supermacht der Online-Didaktik, ein Format, das eine einzige, zündende Experten-Idee vermitteln soll. Im Vordergrund steht dabei die Persönlichkeit des Referenten; dessen „presentation literacy“, wie TED-Chef Chris Anderson betont.

Als TEDx-Speakerin bin ich der Meinung: TED ist toll! Allerdings: Je mehr Talks auch von unabhängigen Anbietern produziert werden, desto mehr besteht die Gefahr der Beliebigkeit und Qualitätsminderung. Denn nicht nur bei TED, auch im Falle von Lern- und Wissensformaten auf You Tube, Facebook, Instagram und diversen Experten-Blogs haben wir es mit einer „information architecture for an impatient user“ (Anderson) zu tun, mit Bildungsinput für ein visuell gepoltes Publikum. Man kann auch sagen: Wir haben es mit einer Ästhetisierung des Realen zu tun.

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Die Herausforderung liegt aber nicht auf der Ebene der Ästhetik. Sie ist „echt“, wirklich, real. Die Ästhetisierung des Realen schafft die Realität ja nicht ab. Vielmehr prägt sie ihre Gestalt auf machtvolle Weise. Diese Ästhetisierung schafft neue Atmosphären des Lernens; sie bestimmt mit, wie die Lernräume der Zukunft aussehen werden und was in ihnen geschehen wird.

Der britische Wissenschaftler und Schriftsteller C. P. Snow diagnostizierte Ende 1950er Jahre eine Kluft zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften; zwei Sphären, die einander unvermittelt gegenüber stünden, anstatt „kreative Gelegenheiten (zu) erzeugen.“ Was die Lernräume des digitalen, globalisierten Zeitalters betrifft, besteht heute die sichtbarste Kluft zwischen dem Neuen und dem Alten: Der durchgestylten, hochkomplexen, hochsuggestiven und atmosphärisch dichten Welt der Technik auf der einen Seite – und der hehren wissenschaftlich-philosophisch-literarischen Sphäre auf der anderen: zwei getrennte Sphären, die beide auf mehr oder minder subtile Weise von Marktmechanismen durchdrungen sind.

Lernräume als Freiräume

Meine These: In Zukunft brauchen wir mehr denn je Lernräume als Freiräume, in denen sich experimentell erproben lässt, welche Aspekte des Alten mit welchen Aspekten des Neuen sinnvollerweise verwoben werden können – und müssen. Und wir brauchen Freiräume des Denkens, Fühlens und Handelns, in denen das Lernen keiner Maßregelung durch Ratings und Rankings (und anderen Funktionen des Marktes) unterliegt. Solche Freiräume entstehen nicht per Dekret. Sie entstehen durch eine bestimmte freiwillige, nonkonformistische Haltung der Lernwilligen.

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Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht schrieb neulich in der ZEIT von einem jungen aufs Programmieren und die Entwicklung künstlicher Intelligenz spezialisierten College-Studenten, der ihm durch seine unkonventionelle Art auffiel, Nietzsche und Heidegger zu lesen. Der junge Student interpretierte diese Philosophen nicht nach gewohnter Art als Teil des tradierten philosophischen Diskurses. Vielmehr löste er das Alte vom vorgefundenen geisteswissenschaftlichen und historischen Kontext und nutzte es – ganz frech pragmatisch! – um das Neue, seine eigene technische Tätigkeit, besser zu verstehen.

Man kann eine solche transdisziplinäre Aneignung als Affront gegen die traditionelle Vorstellung eines Bildungskanons oder traditioneller Qualitätsmaßstäbe von Lernen und Wissen verstehen. Man kann aber auch sagen: Was dieser Student versucht, ist doch ganz einfach, mit dem Kopf zu denken, nicht mit dem Lehrplan. Er nutzt seinen eigenen Kopf, diesen Lernraum par excellence, als Freiraum. Gumbrechts Student ist nur ein Beispiel. Ich vermute, es gibt weltweit viele solcher Beispiele. Es muss viele solcher Beispiele geben.

„Heute“ ist immer eine Zeit, die sich selbst noch nicht begriffen hat. Und das gilt erst recht für die Zukunft. Meine Vision eines künftigen Lernraums wäre ein freier, unbelasteter Raum, in dem es das Alte gibt und das Neue; in dem ein wildes Crossover aus den sich immer noch weitgehend unvermittelt gegenüberstehenden Welten des Alten und des Neuen, des Analogen und des Digitalen möglich ist. Ein Freiraum, in dem neue Maßstäbe für das Wahre, Schöne und Gute, ein neuer Kanon – oder neue Kanons entstehen können. Etwas noch Unvorstellbares, Niedagewesenes. Ein neuer Kosmos aus Sprache, Bildern, Texten, Atmosphären, Logik und Leidenschaft. Dieser Raum, der mir vorschwebt, ist gar nicht so weit weg. Tatsächlich befindet er sich sogar in unmittelbarer Nähe. Er sitzt zwischen unseren Schultern. Es ist unser Kopf. Wir müssen es nur wagen, ihn zu betreten.

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