Wir schreiben das Jahr 2020. Das Alte greift nicht mehr. Das Neue ist noch nicht greifbar. Es gilt, anders zu leben, anders zu arbeiten. Wer innovationsfähig und zugleich menschlich bleiben will, müsste vor allem eins wagen: eine Umkehr zur Leichtigkeit. Allerdings ist es mit der Leichtigkeit so eine Sache: Alles, was schwebend leicht beginnt, kann schließlich nach und nach zur Last werden. Wie eine anfängliche Verliebtheit, die mit der Zeit zur Beziehungsqual ausartet. Wie ein aufregender Beruf, der allmählich zum Sklavenjob mutiert.

Der größte Feind der Leichtigkeit: Einbahnstraßen-Gedanken

Die wohl größte Belastung für den Effizienz-besessenen, spätkapitalistisch sozialisierten Menschen sind seine stur rational nach vorn gerichteten Gedanken. Einbahnstraßen-Gedanken. Eine Denke in Richtung Zukunft, wo ihn vielleicht (sicher!) ein Karrieredämpfer erwartet. Und das Ende seiner vollen Leistungskraft. Und der Klimawandel. Nächstes Jahr! Nächste Woche! Morgen! Was wird sein? Einbahnstraßen-Gedanken sind kleine unsichtbare Elemente, die jegliche Leichtigkeit verhindern. Sie ziehen Sie wie Magneten in die immer gleiche vorausberechnete Richtung: erst nach vorne – dann nach unten. Die Merkmale dieser fiesen Dinger: Engstirnigkeit und Visionslosigkeit. Einbahnstraßen-Gedanken zwingen Sie in eine innovationsfeindliche Existenz, die nichts kennt als zweckgerichtete „teleologische“ Einseitigkeit (von griechisch telos für „Ziel, Zweck“). Sie versuchen, mit Schnappatmung die Heldin, den Helden zu spielen. Sie denken, Sie könnten nicht anders. Die griechischen Heroen kämpften einst mit Stieren, Ebern und Riesen – der moderne Mensch glaubt, „weiter kommen“ zu müssen… bis ans Ziel. Warum? Um „es geschafft zu haben“. Ist das nicht ein bisschen fantasielos?

Das Wort „innovativ“ klingt toll, verbirgt aber meist eine dahinterliegende Veränderungsresistenz. Um den Wandel zu anzuführen, bräuchte es die Umkehr zur Leichtigkeit. In 2020 reicht es nicht mehr, etwa aus dem Stehgreif Absatzzahlen aufsagen zu können. Es genügt auch nicht, einen prophylaktischen Maßnahmenplan für den nächsten voraussichtlichen Börsen-Crash zu erstellen, um sich der eigenen Fortschrittlichkeit zu vergewissern. Alles easy? Von wegen. Wenn eine Dreijährige uns auffordert, plötzlich irre lustig zu sein, fällt uns nichts ein. Es gelingt uns nicht, einfach los zu spinnen. Wenn wir uns schon so schwer tun, spontan aus der Rolle zu fallen, zu blödeln, die Kontrolle abzugeben: Wie wollen wir da flexibel am Puls der Zeit agieren?

Leichte Wandlung statt verkrampfte Handlung

Daher: Warum die chronologisch geordnete Einbahnstraßen-Denke nicht zur Abwechslung in den Kreisverkehr einfahren lassen? Eine Umkehr in Richtung Fernost kann einen effizienten Pfad jenseits heroischer Kraftanstrengungen eröffnen. Der Weg der antiken chinesischen Philosophie lehrt Sie, Großes zu bewirken, indem Sie erst mal „nicht tun“ (wu wei) – und stattdessen den Kontext, die Situation, in der Sie sich jetzt befinden, für Sie handeln lassen. Um Großes zu bewirken, bauten die taoistischen Weisen nicht auf „teleologische“ Handlung, sondern auf Wandlung. Diese cleveren Strategen griffen nicht vorschnell aktionistisch ins Geschehen ein. Sie warteten erst mal ab, bis sich die Umstände von selbst entwickelten. Sie trödelten herum, beobachteten geduldig, lebten und lernten. Und krümmten erst dann einen Finger, wenn es sich wirklich lohnte. Um dann plötzlich mit Leichtigkeit etwas Bahnbrechendes zu bewirken.

Was braucht es in 2020? Wer voller Ungeduld auf eine Antwort mit den Hufen scharrt, bringt sich um eine wichtige Erkenntnis: Nichts lässt sich „vorausschauend“ erzwingen. Innovationen müssen reifen. Dafür braucht es mehr strategische Geduld, mehr Leichtigkeit. Die Zukunft wird uns wohl gesonnen sein, wenn wir es ab und zu riskieren, die Bodenhaftung zu verlieren.

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